Molle und Medaille

mum-titelMatthias Gerschwitz

Molle und Medaille
Eine Alt-Berliner Kneipe zwischen Zille und Olympia

100 Seiten mit 67 teils farbigen Abbildungen

BoD Norderstedt 2008

ISBN 978-3-8370-4108-8

Hier können Sie das Buch bestellen. (Preis: € 9,95)

„Ick hab’ erst in die Kohle jemacht…“
Ein Buch über die älteste Kneipe Berlin-Charlottenburgs

„Kohlen-Ernst“, von dem das Titel-Zitat stammt, saß immer an Tisch Eins. Der Autor sitzt meist woanders: „Matthias Gerschwitz’ Lieblingsplatz im Wilhelm Hoeck 1892 ist in der Ecke. Dort sitzt der 49-Jährige gern, über sich eine Olympia-Urkunde und ein Ruderriemen, im Blickfeld die dunklen, vom Rauch konservierten Holzfässer [...] sowie die bunt gefüllten, dickwandigen Gluckerflaschen hinter der Theke“, beginnt die Redakteurin der Berliner Zeitung einen immerhin halbseitigen Artikel, der am 8. Oktober 2008 über die älteste Kneipe Charlottenburgs berichtet. Anlass dafür: Die Präsentation eines Buches über eben diese Institution. Schon der Titel „Molle und Medaille“ weist auf die eigentlich unvereinbaren, in dieser Umgebung aber fest zusammengehörenden Faktoren „Sport“ und „Alkohol“; denn der Sohn des Gründers und Namensgebers ist ein begeisterter Ruderer. 1928 nimmt Horst Hoeck im Doppelzweier an den Olympischen Spielen in Amsterdam teil, kann aber nicht reüssieren. Das holt er 1932 in Los Angeles nach, wo der Vierer mit Steuermann des Berliner Ruderclubs in einem sensationellen Herzschlagfinale mit 30 cm Vorsprung die Goldmedaille gegen das haushoch favorisierte italienische Boot erringt. 1933 ist die Karriere des Sportlers allerdings vorbei; nach dem Tode der Eltern muss er das Geschäft übernehmen.

Aber der sportliche Erfolg ist nur eine von vielen Facetten der Kneipe, die Gerschwitz als „alt und antik, echt und authentisch, original und originell“ beschreibt. Der 78er-Abiturient des Solinger Humboldtgymnasiums ist zwar nicht der erste, der Zeilen über das „Hoeck“ zu Papier gebracht hat; im Baedeker und anderen, auch ausländischen, Reiseführern wird die Kneipe ebenso erwähnt wie in etlichen älteren Berliner Zeitungsartikeln. Doch erst durch seine intensive Recherche kommen Details aus Firmen- und  Familiengeschichte zum Vorschein, die selbst den Nachfahren des Wilhelm Hoeck nicht bekannt waren. In mühevoller Kleinarbeit hat er aus den unterschiedlichsten Quellen Geschichte und Geschichten zusammengetragen und so die längst schon überfällige Chronik einer nunmehr 117-jährigen traditionsreichen „Destille“ verfasst.

Ob es um die altehrwürdige kupferne Registrierkasse oder die alte, immer noch mit Single-Schallplatten gefüllte Musikbox, um das Zille-Bild „Schnapsdestille“ von 1916 oder den der Legende nach von Rudi Dutschke an die rauchgeschwängerte Decke gefeuerten Teebeutel (wo er heute noch zu besichtigen ist) geht – selbst Stammgäste, für die das „Hoeck“ seit Jahren und Jahrzehnten eine Art zweite Heimat ist, delektieren sich an der in Buchform gegossenen Liebeserklärung. Und mancher Fernsehzuschauer war schon zu Gast, ohne es zu wissen: Für über vierzig Film- und TV-Produktionen, darunter „Ein Mann will nach oben“, „Jakob und Adele“, „Liebling Kreuzberg“, „Der letzte Zeuge“ oder – ganz aktuell – den Kinofilm „Mord ist mein Geschäft, Liebling“ (2009) mit Bud Spencer, diente das „Hoeck“ als authentische Kulisse.

Natürlich gibt es auch ein Kapitel über die Gäste. Ein wahres Soziotop aus vielen Jahrzehnten Gastronomie feiert hier fröhliche Urständ’ – und manchmal ist eine Ähnlichkeit auch mit lebenden Besuchern kaum zu vermeiden. Nur „Kohlen-Ernst“, der sein Leben als Kohlenträger und Möbelpacker in dem Satz zusammenfasste: „Ick hab’ erst in die Kohle jemacht, nu’ mach’ ick in die Möbel“ – der ist für immer von uns gegangen. Oder sitzt seine Seele doch noch an Tisch Eins, wo manchmal auch der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Schütz zu Mittag isst?

Es lohnt ein – im doppelten Wortsinne – Lokaltermin. Die Speisekarte präsentiert eine ausgesprochen umfangreiche wie leckere und trotzdem preisgünstige Auswahl an Berliner und bürgerlich-deutscher Küche, und eins von sechs Bieren vom Fass (Berliner Kindl, Warsteiner, Bitburger, Pilsner Urquell, Märkischer Landmann und Schlösser Alt) oder weiteren aus der Flasche passt immer dazu. Wer’s alkoholfrei mag: „Hoeck“ ist eine der wenigen Kneipen, wo die Fassbrause – eine Art Vorläufer der Bionade – wirklich noch aus dem Fass gezapft wird und so ihrem Namen alle Ehre macht.

Wer Spaß am “alten Berlin” hat, sollte einen Besuch bei „Wilhelm Hoeck 1892“ einplanen. Es lohnt sich. Um auch später noch von diesem Erlebnis berichten zu können, kann man sich gleich vor Ort sein Exemplar von „Molle und Medaille“ sichern – und wenn man Glück hat, ist der Autor anwesend und signiert es auch. Allen Anderen stehen Buchhandel und Online-Buchhandel offen.

Wilhelm Hoeck 1892, Wilmersdorfer Str. 149, 10585 Berlin, Tel: 030 / 341 81 74 · Homepage