Mein Buchbeitrag

Bewegte Bilder in bewegter Jugend

An meine erste Fernsehsendung kann ich mich noch genau erinnern – an meinen ersten Kinofilm dagegen nicht mehr. Daran merkt man, dass ich ein Kind der »Flimmerkisten«-Generation bin. Für das erste Fernseherlebnis im Mai 1964, kurz vor den Olympischen Spielen in Tokio, wurde ich, der gerade mal viereinhalbjährige Knirps, aus dem Bettchen geholt, um gemeinsam mit den älteren Geschwistern im neu erstandenen Fernseh-Apparat einen Trickfilm über die »Heinzelmännchen zu Köln« zu bestaunen. Was ich damals noch nicht wissen konnte: Das mir noch fremde Fernsehen hatte dem 1895 von den Brüdern Skladanowsky erstmals vorgestellten Medium »Kino«, das viele Jahrzehnte lang neben dem in Zeitungen gedruckten und im Rundfunk gesprochenen Wort die dritte Säule der Information und Unterhaltung gewesen war, schon längst das Monopol auf das bewegte Bild abgejagt. Trotzdem bin ich dem Kino immer treu geblieben, was unter anderem auch darin gipfelte, dass ich fünf Jahre lang, von 2001 bis 2006, für die Pressestelle des Deutschen Filmpreises arbeitete.

Die Liebe zum Film rührt wahrscheinlich daher, dass ich in meiner Jugend von Kinos umzingelt war. Damals trugen sie noch nicht so nüchterne Namen wie heute, sondern hießen »Filmtheater« oder »Lichtspielhaus«, wenn sie nicht gar mit opulenteren Namen nach den Sternen griffen.

Mutig verteidigte das Kino zu dieser Zeit auch noch seinen – ja, man mag es heute kaum mehr glauben – Kulturauftrag. Zwischen Werbung – zumeist waren das Standbilder à la »Mach Dir ein paar schöne Stunden, geh’ ins Kino!« – und Hauptfilm gab es in jeder Vorstellung einen Vor- oder Kulturfilm.

Und danach Eiskonfekt.

Aufgewachsen im Haus Stresemannstraße 40, direkt an der Kreuzung mit der Friedrich-Ebert-Straße, brauchte ich nur über den Fernseh-Apparat hinweg aus dem Wohnzimmerfenster zu schauen, um eines solchen Musentempels vergangener Tage angesichtig zu werden. Es war ein erhabenes Gebäude, an dem in großen Lettern der verheißungsvolle Name »Film-Palast Wald« prangte. Zum Eingang führte eine Treppe, die – wenn ich meiner Erinnerung Glauben schenken darf – Showtreppen-Format besaß. Für mich schien sie das Tor zu einer anderen Welt. In der Realität bestand die Treppe wahrscheinlich aber nur aus ein paar Stufen. Links und rechts des Eingangs hingen in Schaukästen bunte Plakate der gerade gezeigten Filme.

Selten genug bewarben sie diejenigen Streifen, die ich sehen durfte. Manchmal wurden wir klassenweise aus der nahe gelegenen Grundschule Altenhofer Straße zu den als vormittägliche »Schülervorstellung« ausgewiesenen Darbietungen geführt. Für ein oder zwei Groschen konnte ich so z. B. mitfiebern, wenn »Rin-Tin-Tin«, Schäferhund und treuer Gefährte eines kanadischen »Mounties«, gemeinsam mit seinem Herrchen wieder Recht und Ordnung herstellte. Im Gegensatz zur Collie-Hündin »Lassie«, die eher privat und freiwillig ihre guten Taten verrichtete, war »Rin-Tin-Tin« ja quasi verbeamtet und verkörperte so im doppelten Sinne das Gute und Staatstragende.

Ebenso kulturfördernd waren Filme wie »Kon-Tiki« von und mit Thor Heyerdahl, der Anfang der 50er Jahre mit dem gleichnamigen Floß aus frisch geschlagenem Balsaholz den Pazifischen Ozean überquert und dabei den 1952 mit dem Oscar® gekrönten Dokumentarfilm gedreht hatte. Oder die Indianerfilme wie »Winnetou«, die ja neben Spannung und Nervenkitzel auch immer den Konflikt zwischen den Ureinwohnern Amerikas und den europäischen Einwanderern thematisieren sollten.

Die Wiederholung der Karl May-Filme übernahm später ein anderes Kino, das noch näher lag als der »Film-Palast«. Ging ich aus dem Haus die Stresemannstraße Richtung »Schlauch« hinauf, dauerte es weniger als einhundert Schritte, bis ich vor dem »Universum« stand. Ein hallenförmiger Vorraum mit beleuchteten Schaukästen führte zu einer breiten Front von Glastüren, an die sich ein langer Gang anschloss, der in den Kinosaal mündete. Der Saal, ein ehemaliger Tanzsaal, war an die Gaststätte »Buchenhof« angebaut, und der Gang führte um den Schankraum herum.

Im »Universum« war ich nur ein einziges Mal – an den Film, den ich dort sah, habe ich allerdings keine Erinnerung mehr. Denn sehr schnell war dieses Kino für uns Kinder tabu; spätestens seit in den Schaukästen Filme mit anrüchigen Titeln wie »Liebesgrüße aus der Lederhose« angekündigt wurden, wurde das Kino eine – zu neudeutsch – »No Go-Area«. Trotzdem haben wir uns oft zum Ärger des Betreibers und zum Unwillen der Eltern in der Vorhalle herumgedrückt und die Plakate ausgiebig inspiziert; dieses Vergnügen ließen wir uns auf keinen Fall entgehen. Jüngst fand ich übrigens auf einem Flohmarkt ein Plakat eines dieser »Lederhosen«-Filme und musste wieder einmal feststellen, wie prüde doch die 70er Jahre trotz der gerade absolvierten »sexuellen Revolution« immer noch gewesen waren.

Mit dem Genrewandel fand im »Universum« auch eine bauliche Veränderung statt. Aus der breiten gläsernen Front wurde eine stabil gemauerte Wand, an deren linker Seite nur noch eine kleine Tür verschämt den Eingang wies. Wenn ich ehrlich bin, war das Interessanteste am »Universum« sowieso die Pommes-Bude davor. Sie steht immer noch, nur das Kino ist irgendwann sang- und klanglos verschwunden. Und der Saal gehört heute wieder zum »Buchenhof«.

Wirklich wehgetan aber hat der Verfall des »Film-Palastes«. Stetige Diskussionen um Abriss oder nicht, um Sanierung des ganzen Gebietes rund um die Rembrandtstraße, um die Überlegungen zum Bau einer Umgehungsstraße, die erst Jahrzehnte später realisiert werden sollte, führten zur Einstellung des 1927 begonnenen Betriebs. Deshalb blieb mir das Abendprogramm im »Film-Palast Wald« fremd. Denn als ich in das Alter kam, in dem mir auch andere Filme als »Rin-Tin-Tin« gestattet waren, verhießen die Schaukästen am Eingang schon lange den Film »Geschlossen«.

Matthias Gerschwitz

(Matthias Gerschwitz erzählt die Geschichte des Hauses Stresemannstraße 38/40, in dem er aufgewachsen ist, in seinem Buch „Das Haus in der Kaiserstraße“ – ISBN 978-3-8391-2198-6)