Beiträge im Juni 2012.

Der WDR feiert August Wilhelm Bullrich

Am 2. Juni wäre August Wilhelm Bullrich – Apotheker I. Klasse und Erfinder des Bullrich-Salz – 210 Jahre alt geworden. Der WDR widmete sich diesem Ereignis in seiner “Stichtag”-Sendung auf WDR 2:

Der Langtext des WDR zum Stichtag:

Zwei Kinoklassikern verdankt der Filmfan Matthias Gerschwitz die Idee zu einem Buch, das selbst alle Zutaten für ein spannendes Leinwand-Drama bietet. Mit dem geschulten Auge des “Werbefritzen” (O-Ton Gerschwitz) fallen dem Berliner Kommunikationswirt im deutschen Stummfilm “Berlin – Die Sinfonie der Grosstadt” von 1927 und in Ernst Lubitschs amerikanischer Komödie “Rendezvous nach Ladenschluß” (1940) mehrere Szenen auf, in denen ein bis heute gebräuchlicher Markenartikel eine Rolle spielt: das Bullrich-Salz.

Neugierig geworden recherchiert Gerschwitz die Geschichte des einst weltweit vertriebenen Magen-Heilmittels. Dabei deckt der Werbeprofi und Autor eine geradezu irrwitzige Firmen-Story auf, bei der man sich wundert, dass Bullrich-Salz als einer der ältesten deutschen Markenartikel in 185 Jahren nie aus Drogerien und Apotheken verschwunden ist.

Wunderbare Marketing-Idee

Die Geschichte beginnt mit dem am 2. Juni 1802 geborenen Berliner Apotheker August Wilhelm Bullrich. Der stattlich schlanke Hagestolz wird von Sodbrennen gequält, dem brennenden Schmerz in Hals und Magen, den bereits die alten Griechen als Pyrosis kennen. Ausgelöst durch unausgewogene Ernährung, oft in Verbindung mit Alkohol und Tabak, entsteht zu viel Magensäure, die in der Speiseröhre nach oben drängt. Mit Experimenten am eigenen Leib forscht der 25-jährige Bullrich nach einem Mittel, das die überschüssige Magensäure bindet. Er findet es im Natrium-Bikarbonat, einem einfachen Naturstoff. Noch aber ist Bullrich nur Angestellter und so hält er seine Erfindung zunächst geheim.

Erst 1834, als selbstständiger Unternehmer, beginnt Bullrich sein Salz in Papiertüten unter seinem Namen zu verkaufen und macht schnell glänzende Geschäfte. “Marketingtechnisch eine wunderbare Idee”, lobt der Werbeexperte Gerschwitz. “Einfach einen vorhandenen Grundstoff in Tüten zu füllen, seinen eigenen Namen draufzuschreiben und als Markenartikel zu verkaufen.” Bullrich ist so stolz auf seine Erfindung, dass er sie im ganzen Reich als “Universal-Reinigungs-Salz” gegen sämtliche Magen-Darm-Erkrankungen und sogar Cholera anpreist.

60-jähriger Salz-Krieg

Kinderlos und wohlhabend stirbt August Wilhelm Bullrich 1859 mit nur 57 Jahren. Seine Witwe übergibt die Firma A.W. Bullrich an eine Nichte, was umgehend die Geschwister des Firmengründers auf den Plan ruft. Sie melden ihrerseits Ansprüche auf das lukrative Geschäft an und gründen das Konkurrenzunternehmen C.W. Bullrich. Daraus entwickelt sich in den folgenden 60 Jahren eine bitterböse Familienfehde mit schier endlosen Betrügereien und Patentkriegen bis hin zu einem Mord. Ein beispielloses Firmen-Drama, dem der Autor Gerschwitz in seinem Buch “Bullrich-Salz: Marke, Mythos, Magensäure” akribisch nachgeht.

Im Jahr 1924 – alle Beteiligten des Bullrich-Kriegs sind längst gestorben – gelangen beide Firmen in den Besitz der Familie Spielhagen. Mit originellen Reklamesprüchen wie “Der Kater kommt vom Alkohol, doch Bullrich tut dem Magen wohl” oder “Bei jedem Brand die Feuerwehr, bei Sodbrand aber Bullrich her” macht sie das Magensalz überaus populär. Einige der Slogans stammen vermutlich aus der Feder von Elly Heuss-Knapp, der Ehefrau des späteren ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss. Vor ihrem Erfindungsreichtum als Werbetexterin zieht der Reklamefachmann Gerschwitz noch heute den Hut. Sein Lieblingsspruch: “Warte nicht, bis du ergrimmt bist. Nimm Bullrich-Salz, wenn du verstimmt bist.”

Die Sprüche passen sich dem Geschmack der Zeit an, das Produkt jedoch nicht. Bis in die Gegenwart ist der Sodbrand-Blocker, dessen Weltrechte seit 1982 ein hessisches Unternehmen hält, noch exakt dasselbe Produkt, das August Wilhelm Bullrich 1827 erfunden hat: reines Natrium-Bikarbonat.

Stand: 02.06.2012

Quelle