Guter Deutsch hilft nix
Nun muss ich mir doch mal etwas von der Seele schreiben – wobei es in der Tat um “Schreiben“ geht … aber lest selbst:
Guter Deutsch hilft nix
Neulich las ich in einem Autoren-Forum einen interessanten Beitrag. Aus einer ernsthaften Anfrage nach der grammatikalisch richtigen Konjugation des Verbs »abwinken« – heißt es nun »abgewinkt« oder »abgewunken«? – entspann sich ein Disput über die Notwendigkeit der richtigen Verwendung der deutschen Sprache. Eine Forumsteilnehmerin, die sich bislang nur in der Theorie über ihre noch zu schreibenden Bücher ergangen hatte, verstieg sich zu folgender Formulierung:
»Unter 100 von meinen Lesern gibt es vermutlich nur 2 die perfekt in Wort und Schrift sind. Für die anderen muß ich es schreiben wie man spricht.«
Lassen wir mal die mangelnde Zeichensetzung, die fehlenden grammatikalischen Grundkenntnisse, die sicherlich steigerungsfähige Fabulierkunst sowie die vernachlässigten Vorgaben über die Schreibweise von Ziffern und Zahlen außen vor und widmen uns ausschließlich dem Neuigkeitsgehalt dieser Botschaft: Was lernen wir? Es gibt einen Unterschied zwischen Autor und Leser.
Ich höre schon die zukünftigen Stoßseufzer aller Rezensenten, die sich über zwischen Buchdeckel gepresstes schlechtes Deutsch ärgern: »Hier wurde wieder mal ein Leser zum Autor gemacht.« Bock und Gärtner haben ausgedient; Koch und Kellner sind wieder in die Gastronomie zurückgekehrt. Leser und Autoren sind das neue, unheilvolle Gespann des gesellschaftlichen Disputes.
Dort der Leser – unfähig, auch nur ein Gran guter deutscher Sprache oder korrekter Rechtschreibung, derer sich ein Autor befleißigen könnte, zu goutieren; hier der Autor – gefangen im viel zu engen Korsett des mangelnden Sprach- und Wissenshorizonts des zukünftigen Lesers. Will der Autor auch nur den Hauch eines Erfolges haben, muss er sich auf die anzunehmenden sprachlichen Defizite seiner potenziellen Zielgruppe einlassen. Der Leser ist also schuld, dass der Autor seine Sprache – oder zumindest die korrekte Verwendung derselben – verloren hat.
Dunkle Wolken zeichnen sich am Horizont ab. Wenn Leser nicht mehr die geeignete Zielgruppe für ambitionierte Autoren sind, müssen diese zukünftig eben für andere Autoren schreiben; kein Autor darf dann aber noch lesen – weder ein fremdes noch ein eigenes Werk – weil er sich auf diese Weise als Teil der inkriminierten Zielgruppe zu erkennen gäbe. So leicht und so schnell wird man zur »persona non grata«, zu einem im unteren gesellschaftlichen Bereich angesiedelten unsozialisierbaren Wesen. Das sind fürwahr keine schönen Aussichten; aber das Leben wird eben nicht einfacher …
Bleibt uns also das Fernsehen. Gut, dass wir es haben.

